Am 14. September 2011 ging es auf der Fachtagung Bildungsberufe im Wandel um Bildungsgrundlagen. Professor Wassilios E. Fthenakis, Projektleiter Natur-Wissen schaffen der Telekom-Stiftung, über die Bildungsreform im Kindergarten, die notwendige Professionalisierung und politischen Unwillen.
Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis ©Schulen ans Netz e. V.
Professor Fthenakis, wie bewerten Sie die derzeitige Ausbildung von Kita-Fachkräften?
Prof. Fthenakis: Während alle europäischen Länder die Erzieherausbildung in den letzten Jahrzehnten reformiert haben, bleibt sie in Deutschland der vergessene Klient einer jeden Bildungsreform. Wir benötigen derzeit dringend eine Anhebung des Ausbildungsniveaus und vor allem eine andere Ausbildungsqualität. Seit Mitte des vorigen Jahrzehnts haben zwar etliche Fachhochschulen neue Bachelor-Ausbildungsgänge für angehende Erzieher eingerichtet. Der politische Wille, eine Ausbildungsreform einzuleiten, ist jedoch bislang nicht erkennbar
Wie kann die gewünschte Professionalisierung gelingen?
Bundesweit sind derzeit etwa 400.000 Fachkräfte im Elementarbereich tätig. Die meisten von ihnen haben eine Ausbildung auf der Fachschulebene abgeschlossen. Folgt man europäischen und internationalen Entwicklungen, so benötigt man für eine Transformation auf ein höheres Ausbildungsniveau bei einer Absolventenzahl von 10.000 pro Jahr etwa 40 Jahre. Dies kann demnach keine Lösung sein.
Wo muss man stattdessen ansetzen?
Derzeit gewinnen Überlegungen an Bedeutung, die auf eine Stärkung der Qualität auf allen Ausbildungsebenen bei gleichzeitigem Ausbau einer tertiären Ausbildung abzielen. Das bedeutet: Wir müssen die Ausbildungsqualität auf Fachschul- und Fachhochschul- beziehungsweise Hochschulebene dringend reformieren und zugleich, zumindest für die Leitungsposition, eine Qualifizierung auf Hochschulniveau, also Bachelor und Master, anstreben. Letzteres würde auch die Forschung beleben.
Welchen Beitrag wird das Projekt „Natur-Wissen schaffen“ liefern?
Das Projekt liefert auf allen Ausbildungsstufen die fachliche Grundlage für eine solch reformierte Ausbildungsqualität. In Übereinstimmung mit internationalen Entwicklungen verändert Natur-Wissen schaffen die theoretische Grundlage und die Zielsetzung, auf denen die Ausbildung aufbaut: Das Ziel ist nicht mehr bloßer Wissenserwerb, sondern die Stärkung von Kompetenzen und dies auf einer sozialkonstruktivistischen Grundlage.
Was genau heißt das?
Wir haben ein „Kompetenz-Modell“ entwickelt, das zwei Ziele hat: Erstens, die Studierenden individuell zu stärken. Das heißt: Ihnen zu helfen, ihre sozialen und lernmethodischen Kompetenzen sowie ihre Widerstandsfähigkeit weiter zu entwickeln. Zweitens ist wichtig, dass die Studierenden während der Ausbildung Fachkompetenzen entwickeln, wie zum Beispiel in den Bereichen Interaktion, Reflexion, Forschung, Beobachtung und Dokumentation. Auf diese Weise werden die Studierenden am besten vorbereitet, den reformierten Bildungsplänen und einer Neuorientierung der Elementarpädagogik gerecht zu werden. Eine solche Vorgehensweise sichert höhere Ausbildungsqualität und Nachhaltigkeit in gleicher Weise.
Fachtagung Bildungsberufe im Wandel
Am 14. September hat in Bonn die Fachtagung „Bildungsberufe im Wandel“ stattgefunden, die Impulse liefern soll für eine bessere MINT-Ausbildung von Kita-Fachkräften. Auf Einladung vom BIBER-Netzwerk frühkindliche Bildung, der Deutschen Telekom Stiftung und der Stiftung Haus der kleinen Forscher sind über 150 Interessierte angereist.
Mehr zum Thema:
Workshop Stärkung von Fachkompetenz am Beispiel von Reflexionskompetenz (PDF)
Studie Frühe Bildung
Haus der kleinen Forscher e.V.
Homepage Natur-Wissen schaffen
Kindgerechtes Internet