„Mehr lernen vom Lernen der Kinder“

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Prof. Miriam Leuchter, Lehrstuhlinhaberin Naturwissenschaftliche Früherziehung an der Uni Münster, über ihre neue Aufgabe, Kugelbahnbau und Erwartungshaltungen.

Wie können Kinder beim Lernen unterstützt werden? ©DKJS/ Danny Ibovnik

Prof. Miriam LeuchterProfessor Leuchter, was werden Ihre Forschungsschwerpunkte sein?
Leuchter: Mein Ziel ist es zu untersuchen, wie Kinder naturwissenschaftliche und technische Phänomene erleben und begreifen. Mich interessiert, wie man Kinder anregen kann, Dinge zu beobachten, zu vergleichen und zu erforschen. Auch wie man sie bei ihrem Lernen unterstützen kann und welches Vorwissen sie mitbringen.
Gerade für Kinder ist es wichtig, dass bei naturwissenschaftlichen und technischen Phänomenen etwas passiert, sich etwas bewegt. Ich halte es daher für sehr wichtig, die naturwissenschaftliche und technische Forschung zu verknüpfen. Meine Vision heißt: „Mehr lernen vom Lernen der Kinder“.

Können Sie dies an einem Beispiel erläutern?
Leuchter: Es ist interessant, Kinder zu beobachten, wie sie zum Beispiel selbstständig eine Kugelbahn bauen. Sie müssen zu allererst verstehen, wie schief die Bahn sein muss. Außerdem können verschiedene Oberflächen eingebaut werden, um die Reibung zu variieren. Mich interessiert, ob Kinder bewusst beide Variablen kombinieren und ob sie ein Grundverständnis von Reibung und Schiefe der Kugelbahn haben.
Weitere Variablen müssen selbstverständlich auch mit untersucht werden, wie zum Beispiel Motivation, Arbeitsgedächtnis, soziale Interaktion von mehreren Kindern beim Bauen einer Kugelbahn oder von Erwachsenen und Kindern.

Was bedeutet Ihre Forschung für die tägliche Arbeit der Kita-Fachkräfte?
Leuchter: Wichtig ist für mich, dass den Fachkräften naturwissenschaftliches Grundverständnis vermittelt wird und sie dann lernen, wie sie bereits vorhandene, alltägliche Lerngelegenheiten, wie beispielsweise die Kugelbahn, mit naturwissenschaftlichem Hintergrundwissen strukturiert nutzen können. Es ist wichtig, das naturwissenschaftliche Lernen in den erzieherischen Alltag zu integrieren und das Vorwissen der Kinder mit einzubeziehen.

Zurück zu Ihnen: Wie werden Sie Ihre Professur gestalten?
Leuchter: Ich möchte eine exzellente Arbeitsgruppe an der Universität Münster aufbauen, die in der Forschung für elementare, naturwissenschaftliche Bildung viel bewegt. Wir wollen neue Erkenntnisse gewinnen, die im Kita-Alltag implementiert und evaluiert werden können.
Mit experimentellen Settings möchte ich untersuchen, wie Kinder lernen und wie man sie beim Lernen am besten unterstützen kann. Sodann möchte ich in realen Umgebungen wie beispielsweise Kita, Schule oder Spielplatz untersuchen, welche Rolle Eltern und Erzieher bei der Anregung und Unterstützung spielen und welchen Einfluss die durch Institutionen bereitgestellten Rahmenbedingungen haben.
Ich möchte, dass mein Bereich in Münster auch als Weiterbildungsstelle für Erzieherinnen und Erzieher wahrgenommen wird. Neben meinen Forschungsprojekten werde ich Seminare und Vorlesungen halten über frühkindliche naturwissenschaftliche und technische Bildung.

Sie haben zwölf Jahre als Erzieherin in der Schweiz und in Schweden gearbeitet. Wie werden Sie diese große praktische Erfahrung in Ihre neue Tätigkeit einbringen?
Leuchter: Meine langjährige Erfahrung hilft mir auf vielen verschiedenen Ebenen. Ich kann mir vorstellen, was funktioniert und was nicht, welche Projekte man mit Kindern ganz praktisch umsetzen kann und welche eher weniger möglich sind. In der Schweiz habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir mein praktisches Wissen bei Weiterbildungen von Kita-Fachkräften enorm weitergeholfen hat.
Ich verstehe sehr gut, wie die Arbeit von Erziehern aussieht, ich kann ihre Anliegen nachvollziehen und auch die Schwierigkeiten, die sie bei der praktischen Umsetzung haben. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen und darauf, ihre ganz persönlichen Anliegen in Bezug auf die naturwissenschaftliche Bildung in ihrer Kita, mit ihren Kindern und Eltern, kennenzulernen.

Welche Unterschiede haben Sie im Vergleich der frühkindlichen Bildung Deutschlands und der Schweiz bisher wahrgenommen?
Leuchter: Solche Vergleiche sind schwierig, schon allein auf Grund der Größe und der Rahmenbedingungen. Dennoch sehe ich, dass es in Deutschland ähnliche Probleme gibt, wie es sie vor der Hochschuletablierung des Erzieherberufs in der Schweiz gab [Anm. d. Red.: In der Schweiz starteten 2005 die ersten Erzieherinnen mit einem Universitätsabschluss ins Berufsleben].
Generell ist es wichtig, die Profession der Erzieherin und des Erziehers wahrzunehmen, wertzuschätzen und als Profession zu respektieren. Sie erfüllen einen wichtigen Bildungsauftrag. Gerade mit Blick auf diese Aspekte haben deutsche Fachkräfte ähnliche Probleme, wie sie ihre Schweizer Kollegen vor der Umstellung der Erzieherausbildung hatten und teilweise immer noch haben. Das hat vor allem etwas mit dem Image des Erzieherberufs und der Verankerung der Fachkräfte im Bildungssystem zu tun.
Meiner Meinung nach sollten Kita-Fachkräfte vorbereitend auf die Schule arbeiten, ohne jedoch die Kita zu „verschulen“. Sie verfolgen einen Bildungsauftrag, der anschlussfähig sein muss. Glücklicherweise ist die Erzieherausbildung in Deutschland bereits in einem großen Umwälzungsprozess. Auch in der wissenschaftlichen Diskussion ist die Elementarbildung viel präsenter geworden.

Prof. Miriam LeuchterProfessorin Miriam Leuchter hat zum 1. August 2011 die von der Deutsche Telekom Stiftung geförderte Professur „Naturwissenschaftliche Früherziehung“ an der Universität Münster übernommen.
Zuvor war sie Dozentin für Bildungs- und Sozialwissenschaften und Stufendidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz in Luzern und Schwyz.


 


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Steckbrief des Projekts (PDF)
Uni Münster, Seminar für Didaktik
Studie Frühe Bildung (PDF)
Kindgerechtes Internet

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